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Günter Rubik (grubik), 01.03.2005

Hinein in den Zauberberg

Beim österreichischen Rundfunk, genauer gesagt bei seinem ersten Radioprogramm Ö1, hatte man die ausgezeichnete Idee, dass man die produzierten Hörspiele nicht nur senden und auf CDs verkaufen, sondern auch im Rahmen von Veranstaltungen zu Gehör bringen kann. Genau darum geht es in der Reihe Im Zauberberg, in der einmal im Monat bei freiem Eintritt in das Klangtheater im Wiener Radiokulturhaus geladen wird. Vorgeführt werden erfolgreiche Hörspiele aus vergangenen Jahren - aber auch Neuerscheinungen und bisher Unveröffentlichtes ist geplant. Im Anschluß an die Vorführung gibt es jeweils einen Werkstattbericht von Mitwirkenden.

Gestern Abend, am 28.2.05 war die erste Veranstaltung dieser Reihe und wir haben uns die Sache angeschaut.

Rafael Sanchez erzählt 'Spiel mir das Lied vom Tod' von Eberhard Petschinka und eben Rafael Sanchez steht auf dem Plan. Petschinka hat bei den 58 Minuten Stück auch Regie geführt.

Beim Eintreffen kurz vor 20 Uhr im Radiokulturhaus in der Wiener Argentinierstraße - der Eingang gleich neben dem großen Ohr, nicht zu verfehlen - macht mein knurrender Magen gleich einen Sprung. Da wird Catering aufgebaut und es duftet wunderbar. Nur leider gibt es das nicht für uns, sondern für die parallel stattfindende Veranstaltung im großen Sendesaal. War auch zuviel verlangt, trotz kostenlosen Eintritt auch noch durchgefüttert zu werden.

Also geben wir unsere Wintermäntel an der Garderobe ab und warten bis sich die Türen zum Zauberberg, auch Klangtheater genannt öffnen. Dann geht es erstmals treppab in den Keller.

Mir sind die Räumlichkeiten gänzlich neu, aber sie sind für Hörbuch/-spielveranstaltungen wie gemacht. Ein abgedunkelter, langgezogener Raum mit reichlich Lautsprechern an der Decke. Der Toningeneur sitzt hinten am Mischpult. Vorne eine Mini-Bühne mit drei Stühlen, die unter Scheinwerfern braten. Der Rest des Raums ist mit mehr oder weniger bequem aussehenden Sofas unterschiedlichsten Fabrikats gefüllt. Wie wir nachher erfahren sind die erst vor kurzem aus dem ORF Lager Liesing, in dem der ORF seine Kulissen für diverse Fernsehproduktionen lagert, ins Klangtheater übersiedelt worden. Man kann also neben dem Hören raten, in welcher Fernsehsendung man das Sitzgerät schon gesehen hat - und meines zumindest war sehr bequem. Wo hat man sonst noch die Gelegenheit in den Sesseln des legendären Club 2 Platz zu nehmen?

Nach kurzer Vorrede der Hörspiel- und Featureabteilung von Ö1 wird dann Autor Eberhard Petschinka auf die kleine Bühne gebeten. Als Einstimmung werden zwei Ausschnitte aus Features eingespielt, für die sich der Autor ebenfalls verantwortlich zeichnet: Die Engel-Attacke und My Private Show. Das erste Stück beschreibt den Irrweg einer Obdachlosen durch die sozialen Einrichtungen Wiens, in My Private Show führt Petschinka während des Irakkrieges Tagebuch und wirft einen Blick auf die Mediendarstellung - beides sehr gelungen.

Vor und nach den Einspielungen gibt es ein kurzes Gespräch mit dem Autor. Der erzählt wunderbar über die Entstehung, seine Arbeitsweise, Kolleginnen und Kollegen. Einige davon sitzen im Publikum, was dem ganzen den Eindruck gibt, als hätten sich einige gute Freunde im heimatlichen Wohnzimmer zusammengefunden und sprechen über gemeinsam Erlebtes.

Dann der Schock: das Publikum kann jetzt Fragen stellen. Hoppla, so war das nicht gedacht. Wir sind schließlich zum Zuhören gekommen. Es ist ja immerhin nach 20 Uhr und da sitzt man normalerweise auch konsumierend vor dem Fernsehkasten. Und als ihn keiner der Anwesenden befragen will, seine Bekannten im Publikum kennen ihn ja und die restlichen Anwesenden denken wie ich krampfhaft über eine intelligente Wortspende nach, erzählt Petschinka ein paar weitere G'schichteln, wie man in Wien so schön sagt.

Auch über die Entstehungsgeschichte des Hörspiels "Spiel mir das Lied vom Tod", das die Geschichte des kleinen Rafael erzählt, dessen Großvater Präsident vom Filmclub ist und somit für die Wahl des besten Films des Jahrhunderts zuständig war: Spiel mir das Lied vom Tod. Der Streifen läuft jeden 1. und 3. Sonntag im Kino des kleinen Dorfes und an Feiertagen und am Geburtstag des Präsidenten des Filmclubs. Der Film, den der Kleine 30 mal im Jahr sieht, hat immer wieder Parallelen im Leben des Erzählers Rafael Sanchez. Seine Geliebte ist nicht Claudia Cardinale, sondern Pepita. Dann wird sein Onkel im Spielcasino erschossen und er schwört am offenen Grab Rache, ganz glühender Spanier. Nach einer Übersiedlung in die Schweiz steht er dem Mörder seines Onkels gegenüber. Der Onkel wird gerächt und Rafael landet in einem Schweizer Gefängnis. Als Rafael entlassen wird und nach Spanien zurückkehrt, kommt er gerade noch zum Begräbnis seines Großvaters. Am Abend läuft zur Totenfeier noch einmal der Film. Auch Pepita ist da, mit glühenden Augen. Sie verlassen das Kino gemeinsam. Leidenschaft. Aber Pepita hat jetzt einen Eheman und der hat einen Revolver.

Die Produktion wurde beim Prix Italia 1998 mit einer lobenden Erwähnung ausgezeichnet und erhielt den Hörspielpreis der Kriegsblinden und den spanischen Premios Ondas.

Ein paar Minuten vor Ende versagt die Technik und es entsteht eine ungeplante Pause. "Eberhard erzähl's du fertig!" kommt es aus dem Publikum. Ganz Wiener Gemühtlichkeit. Die fehlenden Minuten werden dann aber sofort nachgeliefert und wir hören das Stück noch zu Ende.

Nachdem das mit den Fragen aus dem Publikum nicht geklappt hat, wird die Veranstaltung dann offiziell gegen halb Elf für beendet erklärt und der Autor steht noch im persönlichen Gespräch zur Verfügung.

Mein Magen knurrt noch immer - Wurstsemmel gibt's in Wien nur für Polizeihund Rex und nicht für Hörbuchliebhaber - aber ich freue mich über den gelungenen Abend. Die Veranstalter haben es geschafft, die Vorführung aus der Dose mit den Gesprächen vor Ort zu einem neuen Ganzen zu verbinden. Die nächste Veranstaltung am 30. März, in der es um die Hörspielfassung von Wolf Haas Silentium geht, sei auf jeden Fall jedem ans Herz gelegt.

Günter Rubik (grubik)
e-mail: grubik@audiobooks.at

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